Leseproben:

Spitzenripper

 

Der Debütroman von SUSI HUNT

 

Das erste Kapitel beginnt in der Rechtsmedizin in Heidelberg

 

Dienstag, 02.Oktober

 

Die Brandleiche liegt auf dem Obduktionstisch, die Arme wie zu einem letzten Boxkampf abgespreizt, die Hände zu Fäusten geballt und angewinkelt. Aus der aufgeplatzten Bauchwand quellen hellrote, spiegelglänzende Darmschlingen hervor, die einen seltsamen Kontrast zu der schwarz verkohlten Haut bilden. Es sieht aus, als wären sie noch lebendig und im Begriff, den toten Körper zu verlassen. Die Größe des Leichnams lässt auf ein Kind schließen. Ein unangenehmer Geruch von verbranntem Fleisch und geschmolzenem Fett durchzieht den Obduktionsraum der Rechtsmedizin. Wäre da nicht dieser penetrante Geruch, könnte man dieses Etwas, das auf dem Chromtisch liegt, der das Licht der Deckenbeleuchtung spotartig reflektiert, auch für ein modernes Kunstwerk halten. Statt eines rechten Unterschenkels, ragt eine gräuliches Knochenfragment aus der schwarzen Höhle, in der noch ein Kniegelenk stecken muss. Surreal, nichts, das an einen Menschen erinnert.

„Wie alt mag das Kind wohl gewesen sein?“, fragt Kriminalhauptkommissar, Mathias Wandel, Leiter des Dezernats für Gewaltdelikte bei der Heidelberger Kripo, die Institutsleiterin, die ihm mit ernster, aber durchaus entspannter Miene gegenüber steht. Er bemüht sich so flach und so wenig wie möglich zu atmen, in der Hoffnung, dem Geruch ausweichen zu können.

Julia Hessler verkneift sich ein Lächeln, als sie die vergeblichen Anstrengungen Wandels bemerkt. Bevor sie antwortet geht sie zu einem abseits stehenden Schrank, nimmt einen Tiegel heraus und schraubt den Deckel ab. Sie hält Wandel die Dose, aus der ein stechender Menthol-Geruch strömt, entgegen. „Reiben Sie sich ein bisschen davon unter die Nase, das machen Ihre Kollegen und die Staatsanwälte auch häufig, wenn sie mich hier besuchen."

Wandel ringt sich ein Lächeln ab und schüttelt den Kopf. Nur Weicheier machen in der Rechtsmedizin schlapp, das hat er schon in seiner Ausbildung verinnerlicht.

„Zu Ihrer Frage“, antwortet Julia, „das ist kein Kind. Das war ein ausgewachsener Mensch."

Wandel sieht sie an, ungläubig, unsicher, ob sie sich einen kleinen Scherz erlaubt.

„Das ist doch unmöglich. Es sei denn, er war kleinwüchsig. Ich schätze, er ist  höchstens einen Meter vierzig groß."

„Die Leiche misst einen Meter dreiundvierzig, um genau zu sein. Aber Menschen, die derart stark verbrennen, schrumpfen und, um ihre nächste Frage vorweg zu nehmen, die Stellung der Arme ist normal in einem solchen Fall. Durch die Hitze verkürzt sich die Muskulatur und die Arme beugen sich. Wir nennen das Fechterstellung“, sagt Julia.

Wandel konzentriert seine ganze Aufmerksamkeit erneut auf die Leiche und geht langsam um den Obduktionstisch herum. Dabei fällt ihm ein Riss auf der linken Seite im Schädeldach auf.

„Ist das eine Stichwunde, wie auch die Bauchverletzung?“, fragt er Julia und zeigt auf den Riss.

„Leider muss ich Sie wieder enttäuschen, denn auch das sind lediglich die Folgen der extremen Hitzeeinwirkung. Das Gewebswasser ist verdampft, deshalb sind der Schädel und die Bauchdecke geborsten." „Es kocht, aber die knöcherne Hirnschale ist kein Dampfkochtopf, sie hat kein Ventil“, denkt Julia, aber sie möchte den Kommissar mit dieser Vorstellung nicht belasten.

„Können Sie mir schon etwas dazu sagen, ob die Person bei Ausbruch des Brandes noch gelebt hat oder zu ihrem Geschlecht?“, fragt Wandel und begibt sich wieder auf kriminalistisches Gebiet, ein Bereich, in dem ihm niemand etwas vormachen kann, während ihm die forensische Medizin immer noch fremd ist, auch nach vielen Dienstjahren.

„Das ist noch zu früh, da müssen Sie bitte die Obduktion abwarten“, antwortet Julia und nimmt die Mappe mit den Angaben über die Auffindesituation zur Hand. Sie blättert die wenigen Seiten durch und sieht Wandel an. „Nicht viel, was hier steht. Erzählen Sie mir etwas. Wie stellt sich der Fall für Sie dar?“

„Unklar, aber ich habe ein ungutes Gefühl. Und ich irre mich selten.” Fast hätte er nie gesagt, aber das wäre ihm zu großspurig erschienen. „Allerdings stehe ich gerade erst am Anfang meiner Ermittlungen. Das Einfamilienhaus in dem wir die Leiche gefunden haben, ist fast vollständig ausgebrannt. Der Brandermittler muss die Ruine noch untersuchen, aber nach erster Spurenlage vermutet die Feuerwehr Brandstiftung. Wir haben den Hausbesitzer, einen gewissen Bosselmann, in einer Bar aufgetrieben, morgens nach vier Uhr. Er war natürlich nicht mehr nüchtern, deswegen kann man sein Verhalten schlecht einschätzen, aber er lamentierte lautstark über seine verbrannte Briefmarkensammlung, die er von seinem Großvater geerbt hatte. Dass es ein Opfer gegeben hat, schien ihm vollkommen gleichgültig zu sein. Er konnte sich angeblich nicht erklären, wer sich in seinem Haus aufgehalten haben sollte."

„Ist er nicht verheiratet oder liiert?“

„Bosselmann ist verheiratet, aber seine Frau Corinna soll gestern in das Ferienhaus der Familie nach Sylt gefahren sein. Bisher haben wir sie weder dort noch per Handy erreicht, aber es ist ja auch noch früh am Tag."

 

   Auch während der kommenden Stunden gelingt es Kommissar Wandel nicht, mit Corinna  Bosselmann Kontakt aufzunehmen. Er bekommt lediglich die Hausbesorgerin im Ferienhaus ans Telefon, die ihm bestätigt, dass Frau Bosselmann erwartet wird, sich aber wohl verspätet habe.

   Stattdessen sitzt ihm jetzt ihr Mann, der Autohändler Bruno Bosselmann gegenüber, halbwegs nüchtern. Die gebügelten, dunkelblauen Jeans, der dezente Pullover mit Zopfmuster und das blauweißkarierte Hemd, von dem nur der Kragen und die Manschetten zu sehen sind, lassen ihn korrekt und solide erscheinen. Sein Gesicht  steht dazu jedoch in starkem Kontrast. Wandel überlegt, ob die tiefen Furchen um den Mund, die schweren Tränensäcke unter den Augen, deren rötliche Verfärbung ihnen etwas albinohaftes verleihen und die schlaffe, graue Gesichtshaut der vergangenen Nacht geschuldet oder Ausdruck eines ungesunden Lebenswandels sind. Bosselmann starrt derweil den Kommissar regungslos an, nur sein unablässiges Reiben der Hände verrät etwas von der Anspannung, unter der er steht. Es sind große Hände, die trotz seines Berufs von körperlicher Arbeit erzählen.

   „Herr Bosselmann, haben Sie etwas von Ihrer Frau gehört? Auf Sylt war sie bis vor einer halben Stunde immer noch nicht angekommen“, fragt Wandel zu Beginn des Verhörs.

„Kann ich mir nicht erklären. Vielleicht macht sie unterwegs noch einen Besuch“, antwortet Bosselmann.

   Obwohl ein Schreibtisch die beiden Männer trennt, schlägt Wandel eine unangenehme Alkoholfahne entgegen, als Bosselmann spricht. Unwillkürlich rutscht der Kommissar mit seinem Stuhl etwas zurück.

„Hatte sie das vor? Hat sie darüber mit Ihnen gesprochen?“ Bosselmann zuckt nur mit den Schultern und vermeidet es, Wandel anzusehen. „Besorgnis sieht anders aus“, denkt der.

„Erzählen Sie mir einmal, Herr Bosselmann, was Sie selbst über diesen Brand denken.  Inzwischen hatten Sie ja etwas Zeit, darüber nachzudenken.”

Der Autohändler starrt Wandel an, als hätte er nicht begriffen, was der von ihm erwartet.

Der Kommissar sitzt derweil regungslos auf seinem Bürostuhl, den Schreibstift in der Hand, als würde er ein Zigarillo halten. Die Farbe käme hin.

„Nun ja, was soll ich da sagen. Es ist natürlich sehr schlimm, alles weg und dann noch ein Toter. Als ich auf Tour gegangen bin, da stand noch alles. Aber bei den ganzen Rumänen, Zigeunern und was sonst noch so hier rumläuft, muss man sich ja nicht wundern.”

Wandel räuspert sich, gut vernehmlich.

„Na, ja, ich mein nur. Liest man doch jeden Tag in der Zeitung. In der vergangenen Woche haben die eine Tankstelle bei mir um die Ecke überfallen, am helllichten Tag. Wahrscheinlich waren die jetzt bei mir.” Dann schweigt er und der Kommissar hat den Eindruck, als wäre Bosselmann von seinen Ausführungen erschöpft. „Kann doch sein, oder?“, fragt der Autohändler und sieht Wandel mit einem nach Bestätigung heischenden Blick an.

Doch der rührt sich nicht.

„Ob da jemand eingebrochen ist, kann man ja nicht mehr sehen, alles kaputt.”

Die über viele Dienstjahre während unzähliger Verhöre  sensibilisierten Antennen Wandels, die wie ein Lügendetektor in seinem Gehirn die winzigsten Ausschläge registrieren, vermitteln ihm das unangenehme Gefühl, dass Bosselmann ihn zu täuschen versucht.  

„Nun gut“, sagt Wandel nach einer Pause, in der der Autohändler immer unruhiger auf seinem Stuhl Hin und Her gerutscht ist. „Beginnen wir mit der Vernehmung. Ich vernehme Sie als Zeuge. Geben Sie mir zuerst Ihre Personalien." Der Kommissar hat einige Blätter bereit gelegt und wartet, Bosselmanns Aussage zu protokollieren. Der Stift, der nicht mehr lässig zwischen zwei Fingern ruht, sondern wie ein Sprinter vor dem Start, leicht vibrierend, auf das weiße Papier gerichtet ist, verrät etwas von der Anspannung, die Wandel empfindet.  

„Sie wissen doch wer ich bin“, wendet der Autohändler ein und rutscht auf dem Stuhl mit dem Gesäß nach vorne, um die Beine auszustrecken. Mit seiner lässigen Haltung scheint er zum Ausdruck bringen zu wollen, dass er bereits alles gesagt hat, was es zu dem Brand zu sagen gibt.

„Bitte, Name, Geburtsdatum, Adresse, Familienstand, Beruf."

„Adresse hab ich keine mehr“, mault der Angesprochene, dann setzt er sich doch aufrecht hin und scheint nun bereit, seine Aussage zu machen.

„Bruno Bosselmann, geboren am 13.September 1961 in Melsungen, das ist in Hessen“, sagt er und sieht Wandel an, der ohne aufzublicken seine Notizen macht. „Ich bin verheiratet und Autohändler, also Gebrauchtwagen, gelegentlich auch Neuwagen, aber meistens gebrauchte. Aber nur gute, geprüfte. Wenn Sie vielleicht einmal einen Wagen brauchen, Herr Kommissar? Über den Preis können wir reden.”

Wandel reagiert nicht darauf. „Adresse?“

„Die alte oder die Firma?“

„Beide.”

„Also, die Ruine steht im Hermann-Löns-Weg 10 und die Firma ist in der Schlierbacher Landstr. 20.” Bosselmann wendet seinen Blick dem Polizeikalender zu, der hinter Wandel an der Wand hängt. Er betrachtet das Bild, das von einem Polizeisportfest zu stammen scheint und auf dem sich eine Gruppe von Uniformierten auf einem fahrenden Motorrad wie im Zirkus zu einer Pyramide aufgebaut  hat. Er zählt gerade die Polizisten, und als er bei sechs ankommt ist, wird er durch eine erneute Frage Wandels gestört.

„Gehören Ihnen die Gebäude?“

„Nein, meiner Frau. Sie hat sie vor etwa zwei Jahren von ihren Eltern geerbt.”

„Wann haben Sie gestern Abend das Haus verlassen?“

„So gegen zehn, vorher ist in der Bar ja nichts los."

„Und als Sie gingen war da alles in Ordnung. Brannte eine Kerze oder sonst ein offenes Feuer?“

„Kerzen macht nur meine Frau an und die war nicht da“, antwortet Bosselmann, der Wandel das Gefühl vermittelt, auf der Hut sein zu müssen.

„Wann genau ist ihre Frau fortgefahren?“

„Irgendwann gestern Vormittag. Genau weiß ich das nicht. Ich war in der Firma.”

„Haben Sie inzwischen eine Vermutung darüber, wer die verbrannte Person in ihrem Haus sein könnte?“

„Herr Kommissar, das haben Sie mich schon vergangene Nacht gefragt. Ist doch alles schwarz und verbrannt, da kann niemand mehr etwas erkennen. Ich hab gefeiert, dass ich Strohwitwer bin und mir ein paar wirklich hübsche Mädels eingeladen.“ Bei der Erinnerung an die vergangene Nacht huscht ein breites Grinsen über Bosselmanns bislang stoisches Gesicht. Seine breite, gelblich belegte Zunge fährt über die Lippen, dann über die Schneidezähne bevor sie wieder im Mund verschwindet, als wolle er längst vergangene Genüsse noch einmal schmecken. Mit der rechten Hand macht er eine Bewegung, um die üppigen Kurven der Damen zu verdeutlichen.

„Sie machen auf mich den Eindruck, als würden Sie das hier nicht ernst zu nehmen“, sagt Wandel in einem Ton, der jetzt deutlich an Schärfe zunimmt. Er steht auf und stellt beide Fensterflügel schräg, damit frische Luft in das kleine Büro kommt. Den Einwand seines Gegenübers, es würde ziehen, ignoriert er.

„Sie scheinen um Ihre Frau nicht sonderlich besorgt zu sein? Das sollten Sie aber, denn wenn es nicht gelingt, Ihre Frau zu erreichen, dann liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass sie die verbrannte Leiche ist, die wir in ihrem Haus gefunden haben."

„Unsinn, sie war weg, als ich abends nach Haus gekommen bin. Also kann sie es nicht sein. Es war ein Einbrecher, wie oft soll ich Ihnen das noch sagen.”

„Wie funktioniert ihre Ehe? Gibt es da Probleme?“

Bruno Bosselmann ist von dem plötzlichen Wechsel des Tonfalls offensichtlich überrascht.

„Gut, alles bestens“, antwortet er, für Wandel jedoch nicht besonders überzeugend.

„Wer hat alles Zugang zu ihrem Haus? Hat außer Ihnen und Ihrer Frau noch jemand einen Schlüssel?“

„Nur die Putze. Aber die putzt nicht nachts. Wenn sie nicht so alt und fett wäre, könnte ich das ja mal einführen. Nacktputzen im Schlafzimmer." Bosselmann amüsiert sich sehr über seine Bemerkung und Wandel sieht ihm an, dass er sich gerade genüsslich solch eine Situation vorstellt.

„Ich kann sie auch vorläufig festnehmen, dann haben Sie Gelegenheit darüber nachzudenken, ob das alles wirklich so lustig ist."

Der Gesichtsausdruck des Autohändlers verändert sich, sein Grinsen erstarrt. Schweißperlen erscheinen schlagartig auf seiner Stirn, die sich zu kleinen Bächen formieren und seitlich über die feisten Wangen laufen.

„Wie soll ich wissen, wer bei mir eingebrochen ist und Feuer gelegt hat. Ich war bereits in der Bar als das Feuer ausgebrochen ist, dafür gibt es genug Zeugen“, antwortet er. Alles Prahlerische in seiner Stimme ist verschwunden.

Wandel sieht den Mann an, der ihm zutiefst unsympathisch ist, aber solange die Identität der Brandleiche ungeklärt ist, bekommt er nie einen Haftbefehl vom Haftrichter, das weiß er.

„Woher wissen Sie, dass das Feuer gelegt wurde?“

„Haben die Beamten doch gesagt, oder nicht?“ Bosselmanns Augen blicken unruhig im Raum umher. „Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein“, sagt er kleinlaut.

„Oder Sie selbst haben vielmehr das Feuer gelegt und wissen deshalb, dass es sich um Brandstiftung handelt. Ist es so?“

„Ich war in der Bar“, antwortet Bosselmann und die Furcht in seiner Stimme ist jetzt dem Trotz gewichen.

Wandel blickt den schwitzenden Mann jenseits seines Schreibtisches an, als könne er die Wahrheit hinter seiner Stirn lesen, bevor er kaum merklich den Kopf schüttelt. „Sagen Sie mir, wie und wo ich Sie in den nächsten Tagen erreichen kann, dann können Sie gehen.”

„Glauben Sie denn wirklich, man kann bei der Leiche noch etwas erkennen? Ich glaube ich werde wohl niemals erfahren, wer da in meinem Haus verbrannt ist“, sagt Bosselmann und steht auf.

„Einen Moment noch. Haben Sie Schulden, Herr Bosselmann? Was gibt es für Versicherungen? Brandversicherungen,  Lebensversicherungen?“

Der Autohändler zieht ein blütenweißes Taschentuch aus der Hosentasche, entfaltet es umständlich und tupft den Schweiß von der Stirn.

Auf den Kommissar wirkt es, als wolle sein Gegenüber Zeit für die Antwort gewinnen.

„Versicherungen macht meine Frau. Und Schulden, welche Firma hat keine Schulden. Aber der Laden läuft gut.”

„Wir werden sicherlich noch des Öfteren miteinander sprechen. Wo kann ich Sie erreichen?“

„In meiner Firma, natürlich."

Bevor er das Büro verlässt, zieht Bosselmann einen Bogen Papier aus der Brieftasche, streicht ihn glatt und reicht ihn dem Kommissar. „Das ist übrigens die Schätzung meiner Briefmarken. Sie wissen schon“, sagt der Autohändler und macht die Tür hinter sich zu, ohne auf eine Antwort zu warten.

„Da mach dir mal lieber keine falschen Hoffnungen. Wenn du etwas mit dem Brand zu tun hast, kriege ich dich an deinem fetten Hintern“, denkt Wandel. „Und du hast was damit zu tun, das spüre ich.”

   

Der Roman ist über Amazon als E-Book und als Taschenbuch beziehbar ab 2,99 €. Kostenlos zu lesen bei kindle-unlimited

 

Himmelsboten

 

Susanna sitzt in dem alten, bequemen Ohrensessel, in dem früher ihr Vater gesessen hat. Das helle Grün des glänzenden Chintzbezugs ist im Laufe der Jahre einem Grau mit grünen Farbinseln gewichen. Die breiten, rostbraunen Bordüren, die über Rücken und Sitzfläche laufen waren einmal bordeauxrot. Susanna fährt mit einer zärtlichen Bewegung über die verschlissenen Stellen der Armlehne, das Lächeln ihrer Augen fließt wie eine sachte Welle über ihr blasses Gesicht.

„Mama, warum muss dieser alte Mottenfänger hier immer noch rumstehen?

Das ist nicht cool, das ist nur peinlich. Letztens hat es gestaubt, als Benny sich hinein gesetzt hat“, sagte Patrizia, ihre Tochter, die sich Patty nennt, um sich ihrem Freund anzugleichen. 

„Mit Siebzehn glaubt man noch nicht, dass Verschiedenheit den Reiz einer Beziehung ausmacht“, denkt Susanna und ist froh, dass sie sich niemals von dem so gescholtenen Erbstück getrennt hat. Er gibt ihr die Geborgenheit ihrer Kindheit. Es ärgert sie nur, dass der Fußhocker im Laufe der Jahre verloren gegangen ist. Sie beugt sich vor, um den kleinen Sessel, den ihr die Krankenschwester unter ihre Beine geschoben hat, nach vorne zu ziehen. Es gelingt ihr nur mühsam, denn ihr großer Bauch behindert sie sehr. „Als wenn Patrizia noch darin wäre“, denkt Susanna, aber sie weiß, dass jetzt Wasser ihren Leib aufbläht.

Sie hat den Großvatersessel nah ans Fenster schieben lassen. Der Winter war ihr endlos erschienen, aber seit zwei Wochen ist der Frühling da. Forsythien wetteifern mit dem gelb der Narzissen, frühe Tulpen blühen und die Knospen des Apfelbaums vor ihrem Fenster werden täglich dicker. Gestern sind ihr zum ersten Mal die beiden Meisen aufgefallen, die geschäftig zu dem Nistkasten im Baum geflogen sind, Moos und Halme im winzigen Schnabel. „Die bauen ein Nest“, flüstert Susanna, als sie die Vögel wieder bei ihrer Beschäftigung beobachtet. „Ich werde sehen, wie sie brüten, die kleinen Vögel beobachten bis sie flügge sind“, denkt sie, glücklich das Werden neuen Lebens vor ihrem Fenster erleben zu können.

„Was beobachten Sie so fasziniert?“, fragt der ältliche Arzt, der so dürr ist, dass man ihn für einen Patienten des Hospizes halten könnte. Susanna ist so in ihre Beobachtung vertieft, dass sie sein Hereinkommen nicht bemerkt hat.

„Die Kohlmeisen bauen ein Nest“, antwortet sie und zeigt auf den Apfelbaum, dessen Silhouette sich in der Fensterscheibe spiegelt. „Ich freue mich, wenn die Jungen ihren ersten Ausflug machen“. Susannas Augen leuchten, als spräche sie von einer Ausfahrt mit dem Enkel.

„Wie lange dauert es, bis die Vögel flügge werden?“, fragt der Arzt und setzt sich auf die breite Marmorfensterbank.

„Ich weiß es nicht genau, vier, sechs Wochen schätze ich“, antwortet sie und blickt in das nachdenkliche Gesicht ihres Gegenüber. „Er überlegt, ob ich dann noch leben kann“, denkt sie.

„Wie fühlen Sie sich. Genießen Sie den Frühling?“

„Ich genieße ihn, wie ich noch keinen Frühling genossen habe, als ob ich Vieles zum ersten Mal sehen würde. Es ist schon erstaunlich, was man alles nicht wahrnimmt, wenn man mit dem Alltag beschäftigt ist“.

„Da haben Sie recht. Schwester Christel kommt gleich und füllt das Depot ihrer Morphiumpumpe auf“, antwortet der Arzt, steht auf und streicht gedankenverloren im Vorbeigehen über Susannas Haare, die glanzlos, wie billiges Kunsthaar von ihrem Kopf abstehen, nur durch zwei rote Spangen seitlich gebändigt. „Mir geht es gut. Ich habe keine Schmerzen“, antwortet sie.

„Das soll auch so bleiben“, sagt er im Hinausgehen.

 

 

„Himmelsboten“ in der Anthologie zum Literaturwettbewerb 

Custos Verlag, „Verrückt nach Leben“, in Zusammenarbeit mit der Palliativ Stiftung Solingen. Erscheinungsdatum November 2013,

ISBN 978-3-943195-05-9

 

Der Raum

 

Es hört nicht auf zu bluten. Seit Tagen rinnt das Blut aus ihrem Unterleib, ein ruhiger, gleichmäßig fließender Fluss, der das Kind aus ihr herausgespült hat. Nicht ungewöhnlich, weil bei ihr schon oft beginnendes Leben den gleichen Weg genommen hat. Diesmal weigert sich dieser Fluss zu versiegen und bringt mit seinem stetigen Nachschub an Lebenssaft ihr eigenes Leben in Gefahr. Wenn Vater ihr die Abtreibungstabletten geben hatte, weil sie wieder schwanger war, waren die Blutungen am nächsten Morgen vorüber. Ihr Körper reagiert diesmal anders auf die unnatürlichen Substanzen, die den natürlichen Lauf des Lebens abrupt beenden.

 

Sie liegt auf ihrem Bett und ist unendlich müde. Die Luft im Raum ist stickig und schlecht, erfüllt von einem schweren, süßlichen Geruch. Durch halb geschlossene Augenlider beobachtet sie den feinen Staub im Lichtkegel der Stehlampe mit ihrem zerschlissenen, plissierten Lampenschirm. Die winzigen Teilchen glitzern wie Diamanten, tanzen im Licht, drehen sich und schweben nach oben, nur nach oben. Seltsam, als ob eine unbekannte Kraft sie in eine glücklichere Ferne ziehen würde. Freiheit. Eine Freiheit, in der selbst diese Staubkörnchen niemals ankommen werden, denn diesem Gefängnis kann nicht einmal ein Stäubchen entfliehen. Sie kann sich nicht erinnern, wie oft er ihr die Tabletten gegeben hat, nur daran, dass sie beim ersten Mal dreizehn Jahre alt gewesen war.

 

„Die Menschen sind schlecht! Dein Vater liebt dich, er wird sein Püppchen vor der Welt beschützen“, hatte er gesagt nachdem er sie in den Keller gebracht hatte.....

 

Literaturzeitschrift, „Asphaltspuren“, Ausgabe 17,

Juni 2012

 

Eiskalt

 

Die Eisfläche ist glatt, tellereben, nur an einigen Stellen schien es, als habe der Frost die kleinen Wellen im See überracht, sie in ihrer Bewegung erstarren lassen, gefangen genommen, bis die Wärme des Frühlings sie wieder befreien würde. Aurelia starrte auf das jetzt in der fahlen Wintersonne bläulich schimmernde Eis, nein, sie sah nicht auf das Eis, sondern in das Gesicht eines kleinen Mädchens mit dunklen, lockigen Haaren, die durch zwei Haarspangen mit kleinen lila Herzen rechts und links gebändigt wurden, die rosigen Wangen gaben dem Gesicht, das wie feines Alabaster matt glänzte, Farbe. Die Augen waren geschlossen,ein pinkfarbener

Rollkragen am Hals ließ den Pullower erahnen, den das Kind trug. Das Eis war an dieser Stelle des Sees kristallklar und hatte sich wie ein gläserner Sarg sanft über das kindliche Gesicht gelegt, ein Antlitz, das den unbekannten Frieden einer anderen Wirklichkeit ausstrahlte.

 

Aurelia sitzt auf einer kleinen Bank, die Holzwand des Bootshauses hinter ihr strahlt die Wärme der eingefangenen Sonnenstrahlen des Wintertages zurück,jetzt, da sich die langen Schatten des späten Nachmittags über das Eis des Sees legen. Sie beobachtet die Jungen, die mit ihren Schlittschuhen über das Eis hinter dem Puck her rasen, der von den Hockeyschlägern immer wieder in eine ungewollte Richtung geschossen wird. Wie in jedem Jahr verbringt Aurelia mit der ganzen Familie die Weihnachtsferien am Ufer des Bergsees in dem kleinen Blockhaus, das ihre Eltern vor langer Zeit gekauft hatten. Aurelia liebt den Anblick, die Berge, deren abweisende Felswände jetzt unter eine schützenden, in der Sonne wie tausend Diamanten glitzernden Schneehaube einem neuen Sommer in ihrem Jahrtausende alten Zyklus entgegen schlafen, der See, umrahmt von schwarzen Tannen, die je nach Tageszeit freundlich oder bedrohlich wirken......

 

Winternarren, Winters Weisen,

11/2012 Wendepunkt Verlag,

ISBN978-3-942688-46-8

 

 

Meine Scham, meine Ehre

 

Klinik für Intimchirurgie steht mit schwarzer Schrift auf dem weißen Schild, das an der Umfriedung aus Bruchsteinen angebracht ist, darunter der Name einer Ärztin. Abla betrachtet das Schild wie schon mehrmals in den letzten Wochen, seitdem sie es zufällig entdeckt hatte. „Klitoris, Schamlippen und Scheidenkorrekturen“, stand in dem Prospekt, den sie sich nach vielen Anläufen zu holen getraut hatte. Seither geht ihr diese Praxis nicht mehr aus dem Kopf. Wann immer sie den Schmerz spürt, der ihr vertraut ist wie der Klang ihrer Stimme, denkt sie an dieses Schild. Denn seit sie Abdikarim vor vier Monaten heiratete, ist die Nacht ihr zur Qual geworden. Weder seine Geduld noch ärgerliches Bedrängen haben es bisher vermocht, dass ihr Mann in sie eindringen konnte.Ablas Schmerzensschreie hatten dabei gelegentlich durch das Haus gegellt, so dass einmal sogar die Polizei an ihre Tür geklopft hatte.

Abdikarim will sie jetzt zurückschicken nach Somalia, damit sie dort von der Beschneiderin in ihrem Dorf wieder geöffnet wird, von wahrscheinlich der gleichen Frau, die einst ihre Klitoris und die Schamlippen entfernt und ihre Scheide bis auf eine kleine Öffnung vernäht hatte. Abla hofft hingegen, dass eine deutsche Beschneiderin ihr helfen kann, denn sie hat gehört, dass es in Deutschland Betäubung gibt.

 

Neun Tage später betritt Abla das Wartezimmer,in dem eine Frau sitzt, die ihr Gesicht hinter einem Modemagazin verbrigt. Mechanisch erwidert sie Ablas gemurmelten Gruß, ohne aufzublicken. Schweigend sitzen sich beide gegenüber und Abla fragt sich, ob es der weißen Frau wohl ebenfalls peinlich ist, hier zu sein. Ein Luftbefeuchter verbreitet einen unangenehm süßlichen Geruch im Raum und die Frau lässt ihr Magazin sinken, als sie heftig niesen muss.Abla sieht, dass deren Hand zittert, als sie mit einem Papiertaschentuch ihre Nase abtupft.

„Es ist kalt hier“, sagt Abla. Die Frau nickt.

„Sie sind wohl nicht von hier?“

„Ich komme aus Somalia“,antwortet Abla und dann schweigen sie wieder.Die Frau dreht die Illustrierte in ihrer Hand, vielleicht ist sie unschlüssig darüber,ob sie sie wieder vor ihr Gesicht halten soll.

„Ich habe gedacht, in Deutschland wäre es verboten, aber wahrscheinlich ist es wie bei uns. Da ist es auch verboten, aber alle tun es“,sagt Abla.

„Entschuldigung, ich verstehe nicht ganz was Sie meinen?“

„Aber, hier nehmen sie sicher keine Glasscherben oder Rasierklingen, nicht wahr?“,fragt Abla. Die weiße Frau starrt sie entsetzt an.

„Mit Glasscherben, das ist ja fürchterlich, mein Gott“,antwortet sie. „Nein, nein, keine Angst, hier wird nur mit Salpell operiert, keimfrei und so“.

„Und mit Betäubung?“, fragt Abla.

„Selbstverständlich mit Betäubung, was haben Sie sich denn vorgestellt? Wir sind doch hier nicht im Busch“. Abla nickt,und fühlt mit Bestürzung, dass sie kurz davor ist, zu weinen.

„Verzeihen Sie, wenn ich etwas barsch war“.........

 

Literaturwettbewerb „Menschenrechte“,

Amnesty International

Anthologie „Dafür“, Custos-Verlag, 11/2012,

 

ISBN 9-783943-195064